Noch enormes Potenzial

Plastics in the Future

Matthias Grafe sieht beste Chancen für die Zukunft der Kunststoffe.

Mit wachen Augen und Ohren für die Zukunft, den richtigen Interpretatio­nen der Beobachtungen und dem frühzeitigen Erkennen neuer Entwicklungen hat sich Grafe in den vergangenen 25 Jahren zu einem der führenden Masterbatch­hersteller Europas entwickelt. Für das K-MAGAZIN „Plastics in the Future“ sprachen wir deshalb mit Grafe-Geschäftsführer Matthias Grafe über seine Erfahrungen und vor allem über seine Einschätzungen zur Zukunft der Kunststoffe.

Grafe feiert in diesen Tagen sein 25-jähriges und sehr erfolgreiches Bestehen. Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückblicken: Was würden Sie als Ihre wichtigste Entscheidung bezeichnen, die dafür sorgt, dass Grafe auch in Zukunft erfolgreich ist?
Matthias Grafe: Wenn man daran zurückdenkt, wie ich mit meinen Brüdern vor 25 Jahren das Unternehmen gegründet habe, so haben wir uns damals als großartig und schlau empfunden. Man muss jedoch wissen, dass man jeden Tag nicht unbedingt dümmer wird. So ist unsere Unternehmensentwicklung in den letzten 25 Jahren durch eine Evolution gekennzeichnet, in der wir bestrebt sind und waren, immer alles besser als die anderen zu machen.
Wenn Sie mich danach fragen, was ich als meine wichtigste Entscheidung empfinde, die ich in der Vergangenheit getroffen habe, so ist dies schwer zu beantworten. Mit Sicherheit beruht der Erfolg unseres Unternehmens aber auf einer Vielzahl von guten und nur wenigen schlechten Entscheidungen.
Unser Erfolg hängt nach meiner festen Überzeugung im Wesentlichen damit zusammen, dass wir die Komplexität unseres Geschäfts beherrschen. Wir entwickeln jedes Jahr 10.000 neue Rezepturen und produzieren 16.000 verschiedene Produkte.
Dies ist neben der technischen Herausforderung auch eine wahnsinnige organisatorische Leistung. Diese Komplexität zu beherrschen ist das Geheimnis für unser überproportionales Wachstum, das uns über die letzten 25 Jahre zu einem der führenden Masterbatchproduzenten in Europa gemacht hat.

„Die Kunststoff­industrie steht ständig vor neuen Herausforderungen, da in dem Werkstoff nach wie vor ein enormes Potenzial liegt“, Matthias Grafe

Jede große Veränderung hat einmal klein angefangen: Wo sehen Sie derzeit eine kleine Veränderung, die das Potenzial hat, in absehbarer Zukunft ganz groß zu werden, also den Markt zu verändern?
Matthias Grafe: Die Kunststoffindustrie steht ständig vor neuen Herausforderungen, da in dem Werkstoff nach wie vor ein enormes Potenzial liegt. Insbesondere in der Technologie des 3D-Druckens sehe ich noch riesige Möglichkeiten. In einer Welt, in der die Individualisierung immer mehr in den Mittelpunkt tritt, kann dieses Fertigungsverfahren die Industrie revolutionieren.
Ich bin mir sicher, dass wir uns im Bereich des 3D-Drucks gerade erst am Anfang des Entwicklungszyklus befinden und dass wir erst einen kleinen Teil des gewaltigen Potenzials erschlossen haben.

Ein Hersteller von Masterbatches und Compounds muss schon heute überlegen, was er seinen Kunden morgen bieten will: Welcher Aufgabe widmen Sie derzeit am meisten Zeit und Energie?
Matthias Grafe: In den vergangenen Jahren haben wir uns vor allem auf die Technologie konzentriert. Unsere Kunden sind deshalb vor allem bei technischen Produkten zu finden und bei Produkten, bei denen hohe Ansprüche an die Farbgenauigkeit gestellt werden. Deshalb gelten wir heute auch als führender Farbmaster­batchhersteller für die deutschen Premiummarken der Automobilindustrie. Hier erfüllen wir die weltweit höchsten Qualitätsansprüche.
So konzentrieren wir uns derzeit vor allem auf Anwendungen, bei denen die Technologie und die Problemlösung im Mittelpunkt stehen.
Unser Ziel war es immer schon, Technologieführer zu sein und nicht Kostenführer.
Selbstverständlich sind wir auch bestrebt, unsere Stärken in weitere Anwendungsbereiche einzubringen. Zu den wichtigsten Zielmärkten gehören die Kunststofffasern und die Verpackungsindustrie.
Wenn ich Ihnen jetzt erklären würde, in welche Technologien wir derzeit am meisten Energie stecken, müsste ich Ihnen Einblick in unsere Geschäftsgeheimnisse geben – ich bitte um Verständnis, dass ich das nicht tun werde. Ich kann Ihnen aber sagen, dass viel unserer Energie in die bereits erwähnte Beherrschung der komplexen Prozesse fließt.

Schon heute ist ein Leben ohne Kunststoffe nicht machbar. Wo sehen Sie derzeit das größte Potenzial für neue Kunststoffe?
Matthias Grafe: Die Wachstumspotenziale von Kunststoffen liegen vor allem darin, dass Kunststoff immer mehr andere Werkstoffe substituiert. Dieser Prozess begann, als der Kunststoff erfunden wurde, und hält immer noch an. Der Vorteil des Werkstoffs liegt vor allem in seiner freien Formbarkeit, seinem geringen Gewicht und seinem Preis-Leistungs-Vorteil. Kunststoffe werden mit Sicherheit im Automobil­bereich weitere Anwendungen finden. So bietet auch die Elektromobilität für den Kunststoff riesige Chancen. Bei vielen mechanischen Bauteilen werden die bisherigen Werkstoffe weichen und durch Kunststoff ersetzt werden. Denn Elektromobilität bedeutet Gewichtseinsparung und damit ist automatisch der Werkstoff Kunststoff im Rennen.

„Kunststoff wird Metalle in Bereichen ersetzen, in denen sich unsere Kunden heute noch nicht vorstellen können, dass solche Bauteile einmal aus Kunststoff hergestellt werden können“, Matthias Grafe

Kunststoff gilt als der Werkstoff der Zukunft, gibt es einen Kunststoff der Zukunft?
Matthias Grafe: Mit Sicherheit gibt es nicht „den“ Kunststoff der Zukunft. Ich glaube auch nicht, dass in den nächsten Jahren ein Kunststoff erfunden wird, der die Welt revolutionieren wird. Das Potenzial im Werkstoff Kunststoff liegt vor allem in der Additivierung, Modifizierung und in der Herstellung von Kunststoffblends. Als Beispiel möchte ich hier die Entwicklung zum PC-ABS nennen, mit dem die Vorteile beider Werkstoffe in einem neuen Werkstoff vereint wurden.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung, um Ihr Unternehmen fit für die Zukunft zu machen?
Matthias Grafe: Ich glaube, die größte Herausforderung für alle Unternehmer liegt im Umgang mit den Mitarbeitern. Auch wenn wir uns in einer Hightechbranche bewegen, steht immer noch der Mensch im Mittelpunkt. In den letzten Jahren haben sich aber die Ansprüche der Mitarbeiter in unserer Gesellschaft enorm gewandelt. Flexi­bilität ist den Menschen heute viel wichtiger. Zudem hat sich das Familienbild für viele geändert.
So ist es für die Unternehmen nicht einfacher geworden, die Mitarbeiter so zu motivieren, dass sie sich mit dem Produkt und dem Unternehmen identifizieren. Um dies zu erreichen, werden meine Familie und ich zum Beispiel unser Firmenjubiläum nur mit unseren Mitarbeitern feiern. Denn nur gemeinsam mit unseren inzwischen mehr als 300 Mitarbeitern wurde der Erfolg des Unternehmens möglich.

Matthias Grafe, geschäftsführender Gesellschafter der Grafe Advanced Polymers GmbH Foto: Grafe
Matthias Grafe, geschäftsführender Gesellschafter der Grafe Advanced Polymers GmbH Foto: Grafe

Sie haben ja in Interviews mit der K-ZEITUNG schon mehrfach gesagt, dass Kunststoffe heute da sind, wo Metall vor 30 Jahren war. Wo wird der Kunststoff in 25 Jahren sein, wenn Grafe sein 50-jähriges Jubiläum feiert?
Matthias Grafe: Ich glaube, wir werden den Werkstoff Kunststoff in 25 Jahren in Bereichen finden, in denen wir es heute noch nicht erwarten. Kunststoff wird Metalle in Bereichen ersetzen, in denen sich unsere Kunden heute noch nicht vorstellen können, dass solche Bauteile einmal aus Kunststoff hergestellt werden können.

Kunststoffe können heute viel, aber noch lange nicht alles: An welchen Stellen müssen Kunststoffe für eine bessere Zukunft noch besser werden?
Matthias Grafe: Wie gesagt – Kunststoffe haben noch viel Potenzial. Ein Problem ist aber zur heutigen Zeit das Image. Der Müll, der sich im Meer ansammelt, schädigt unsere gesamte Branche. Wenn ich von meinen Kindern erfahre, wie negativ heute über den Kunststoff in der Schule geredet wird, sehe ich dies als sehr gefährlich an. Wir müssen alle dafür sorgen, dass Kunststoffe nicht die Umwelt belasten, sondern unser Leben erleichtern. Vor allem sollte die Verklappung von Kunststoffabfällen im Meer strengstens bestraft werden.
Das Image des Kunststoffs lässt sich nur durch Selbstdisziplin und Regulierung wieder verbessern. Um Kunststoffe in neue Technologiefelder zu bringen, muss man aber auch den Ingenieuren die Freiheit geben, weiter zu denken – Dinge verbessern und verändern zu können. Deshalb ist es für uns als Unternehmen so wichtig, ein konsequentes Innovationsmanagement zu betreiben. Nur dadurch können wir auch in Zukunft erfolgreich sein.

Grafe arbeitet ja viel mit Zukunftsforschern und Trendexperten zusammen. Welche Antworten geben diese in Bezug auf neue Märkte von morgen?
Matthias Grafe: Für uns ist immer die Zukunft von Bedeutung. Wir fragen uns nicht, was gestern war, sondern, was morgen sein wird. So arbeiten wir schon immer mit vielen Designern zusammen. Zukunftsforscher und Trendexperten sind dabei ein wichtiger Bestandteil, um Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen. Wenn Sie erfolgreiche Produkte kreieren wollen, müssen Sie den Zeitgeist treffen. Als Beispiel möchte ich den Zeitgeist der Kommunikation nennen. Durch die Entwicklung der Smartphones und des Internets hat sich die Kommunikation in den letzten Jahren extrem verändert.
Dies eröffnet Chancen, aber auch Gefahren. Wir als Unternehmen der Grafe-Gruppe sehen ein enormes Potenzial darin, dass wir durch die neuen Kommunikationsformen unsere Serviceleistungen globaler anbieten können. Dies könnte die Fragmentierung des Masterbatchmarktes auflösen.
Viele regional agierende Masterbatchproduzenten, die mit dem Argument der räumlichen Kundennähe punkten, könnten schon morgen von anderen Anbietern überholt werden. So bieten Trends immer Chancen und Risiken, und denen muss man sich als erfolgreiches Unternehmen jeden Tag aufs Neue stellen.

„Mit Sicherheit gibt es nicht ‚den‘ Kunststoff der Zukunft“, Matthias Grafe

Wer die Zukunft gestalten möchte, kommt damals wie heute an Kunststoff nicht vorbei. In welchen Bereichen wird der Wandel besonders dynamisch sein und inwiefern trägt der Werkstoff Kunststoff zu diesem Wandel bei?
Matthias Grafe: Ich glaube, dass die Energieeffizienz einen enormen Einfluss auf den Einsatz von Kunststoffen haben wird. Alles, was bewegt wird, muss leichter werden. Die Güter, die transportiert werden, genauso wie die Fortbewegungsmittel.
Diese Tendenzen haben einen großen Einfluss auf die Verpackungsindustrie, auf die Verkehrs- und Transportindustrie und auf viele weitere Bereiche unseres täglichen Lebens. Der Werkstoff Kunststoff wird auf diesem Weg einen erheblichen Anteil zur technologischen Fortentwicklung unserer Gesellschaft beitragen.

Matthias Gutbrod und Günter Kögel